Gesamtkonzept AP Dortmund e.V.
Inhalt
1.) Der Verein
2.) Allgemeine Einführung
2.1) Beratungsstelle
2.2) Institut zur Weiterbildung
3.) Theoretische Grundhaltung
3.1) Sexualpädagogischer Ansatz
3.2) Psychoanalytisches Verstehen
3.3) Gruppendynamik
4.) Die Beratungsstelle
5.) Institut zur Weiterbildung
5.1) Fortbildung und Multiplikatorenarbeit
5.2) Supervision
1.) Der Verein
AP Dortmund e.V. gründete sich im Jahr 1987, damals unter dem Namen Wildwasser Dortmund. Die Gründungsfrauen stammten aus einem Arbeitskreis gegen sexuelle Gewalt und aus einer Selbsthilfegruppe von Frauen, die als Mädchen sexuelle Gewalt erfahren hatten. Der Name „Wildwasser“ symbolisiert energievolles, sprudelndes Wasser,
dass sich seinen Weg bahnt. Dieser Name entstand in Anlehnung an die erste Berliner Selbsthilfegruppe von betroffenen Frauen, die sich 1982 gegründet hatte.
Der Verein wird von drei Vorstandsmitarbeiterinnen geleitet. Durch
regelmäßige Mitgliederversammlungen wird nach der Satzung ein
neuer Vorstand gewählt. Näheres siehe Satzung.
Der Verein ist seit 1992 als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt.
Die theoretische Ausgangsbasis des Vereins ist die Erkenntnis, dass
die sozialen und politischen Unterschiede in unserer Gesellschaft auch
auf der Geschlechtszugehörigkeit beruhen.
Sexuelle Gewalt wird als ein gesellschaftliches Problem begriffen,
das durch patriarchale Machtstrukturen hervorgerufen wird.
Der Verein ist Träger einer Beratungsstelle.
In der Beratungsstelle arbeiten zwei Pädagoginnen, die über
verschiedene therapeutische Zusatzqualifikationen sowie über sexualpädagogisches
Wissen verfügen.
Im weiteren unterhält der Verein ein Institut zur Weiterbildung.
In diesem Institut sind ausschließlich Referentinnen in freiberuflicher Ausübung tätig. Diese freiberuflichen Mitarbeiterinnen verfügen über ein fachfundiertes Wissen, das aus einer modifizierten Psychoanalyse, der Gruppendynamik und den sexualpädagogischen Theorien zusammengesetzt ist.
Der Verein versteht sich in diesem Zusammenhang als „Kontaktvermittler“.
2.) Allgemeine Einführung
2.1) Beratungsstelle
Die Beratungsstelle bietet Mädchen und Frauen die Möglichkeit
über erlebte Erfahrungen zu sprechen.
Mädchen und Frauen soll bewusst gemacht werden, dass sie die sexuelle
Gewalt überlebt haben, und dass sie die ihnen zur Verfügung stehenden
Energien für sich nutzen können.
Es besteht ein umfangreiches Hilfsangebot, das von psychosozialer Beratung
über Krisenintervention und Langzeitberatung bis hin zu Selbsterfahrungsgruppen
reicht.
Neben der Arbeit mit Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erlebt
haben, unterstützt AP Dortmund MitarbeiterInnen aus sozialen
Arbeitsfeldern, in denen sie mit der Problematik des sexuellen Mißbrauchs
konfrontiert werden. Dies wird in der Regel in Einzelberatungen oder Gruppen
angeboten.
2.2) Institut zur Weiterbildung
Im weiteren gibt es das Institut zur Weiterbildung, das in der Beratung
von Multiplikatoren dann tätig wird, wenn der Beratungsprozeß
über einen langfristigen Zeitraum notwendig erscheint.
Dort findet die Unterstützung in Form von Einzelberatung, Supervision
oder durch Fortbildungen statt.
Eine weitere angebotene Qualifizierungsmaßnahme ist eine sexualpädagogische
Zusatzausbildung, die mindestens zwei Jahre dauert. Hier können bei
den Multiplikatoren und Multiplikatorinnen Unsicherheiten im Umgang mit
dem Thema „Sexualität“ im Allgemeinen sowie mit dem Thema „sexuelle
Gewalt“ abgebaut werden. Die genaueren Lernziele sind in einem gesonderten
Curriculum näher beschrieben.
Fortbildungen werden themenzentriert über ein regelmäßig
erscheinendes Programmheft angeboten.
Es besteht auch die Möglichkeit einer individuellen Fortbildung,
welche auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Problematiken
der Institution zugeschnitten ist.
Ein weiterer Bereich ist die Öffentlichkeitsarbeit. Dieser ist
auch dem Institut zur Weiterbildung zugeordnet. Die Öffentlichkeit
soll für das Thema „Sexuelle Gewalt“ sensibilisiert werden, um eine
Auseinandersetzung mit der Problematik der Sexualität anzuregen.
Hierzu werden Informations- und Diskussionsveranstaltungen organisiert,
bei denen Mitarbeiterinnen als Referentinnen fungieren. Insbesondere die
von AP Dortmund selbst ausgebildeten Sexualpädagoginnen und
Sexualpädagogen werden für solche Veranstaltungen weiterempfohlen.
3.) Theoretische Grundhaltung
Der Verein AP Dortmund e.V. arbeitet nach feministischen Grundsätzen
für Mädchen und Frauen mit dem Ziel, neue Lebensperspektiven
zu entwickeln und das Selbstbewußtsein und die Eigenverantwortlichkeit
der betroffenen Mädchen und Frauen zu stärken.
AP Dortmund versteht unter Feminismus die Werthaftigkeit des
weiblichen Lebens. Die Werthaftigkeit ist durch die Akzeptanz der eigenen
Weiblichkeit begründet. Die eigene Weiblichkeit wertzuschätzen
ist eine Gratwanderung, zumal die Weiblichkeit gesellschaftlich noch immer
nicht gleichwertig mit der Männlichkeit gesehen wird.
Wenn eine Frau ihre Weiblichkeit anerkennen würde, würde
sie gleichzeitig gesellschaftlich ihre Zweitklassigkeit akzeptieren.
Besonders wichtig ist dem Verein, Mädchen und Frauen als ganzheitliche
Personen in all ihren Lebenszusammenhängen wahrzunehmen.
Probleme der Frauen und Mädchen sollen gesehen werden, aber gleichzeitig sollen
gesunde Persönlichkeitsanteile gefördert werden, um so der Reduzierung
auf Defizite und dem Opferstatus entgegen zu gehen.
Die „Opferhaltung“ soll in der Arbeit mit den Frauen und Mädchen nicht „kultiviert“ werden.
3.1) Sexualpädagogischer Ansatz
Der Verein geht in seinen Überlegungen davon aus, dass Frauen bis
heute Schwierigkeiten haben, sich aus sich selbst heraus zu definieren
und bietet deshalb Hilfe bei der Identitätsbildung.
Zur eigenen Identitätsfindung ist es unerlässlich, die eigene
Sexualität zu definieren. Die Sexualität ist ein wesentlicher
Baustein der eigenen Identität.
Die immer noch vorhandene Dreiteiligkeit der Weiblichkeit innerhalb
der Gesellschaft in „Heilige“, „Hure“ und „Mutter“ soll aufgehoben werden.
Die Sexualpädagogik ist aus der Sichtweise des Vereins das dafür
geeignete Mittel.
Im folgenden Abschnitt wird die sexualpädagogische Sichtweise verdeutlicht:
AP Dortmund geht davon aus, dass innerhalb der Gesellschaft
die Sexualität von Frauen negiert wird und negative Aspekte weiblicher
Sexualität in der Öffentlichkeit im Vordergrund stehen. Öffentlich
werden Frauen und ihre Sexualität hauptsächlich als Prostituierte
und Vergewaltigungsopfer gezeigt. Es fehlt eine positive Darstellung weiblicher
Sexualität in der breiten Öffentlichkeit.
Dies hat zur Konsequenz, dass Frauen ein positives Vorbild zur Entdeckung
der eigenen Sexualität fehlt. Das fehlende Modell macht es Frauen
schwer, einen Zugang zu ihrer eigenen Sexualität zu finden.
Der positive Zugang zur eigenen Sexualität ist aber Voraussetzung,
um sich selber als sexuelles Wesen akzeptieren zu können. Durch die
fehlende Akzeptanz der eigenen Sexualität muss diese tendenziell verdrängt
oder abgespalten werden. Dies bedeutet für viele Frauen, dass ihre
Sexualität für sie nicht bewusst zugänglich ist. Durch das
Nichterleben einer befriedigenden Sexualität ist aus unserer Sicht
die Lebensqualität von Frauen gemindert, da eine lustvolle befriedigende
Sexualität wesentlicher Bestandteil eines glücklichen und zufriedenen
Lebens darstellt.
Gerade Frauen mit sexueller Gewalterfahrung neigen dazu, ihre eigene
Sexualität zu verdrängen oder abzuspalten.
Sexualität ist aber eigentlich das Potential für ein kreatives
und lustvolles Leben. AP Dortmund sieht im Erleben der eigenen Sexualität
die Basis des menschlichen Daseins.
Eine Voraussetzung, seine eigene Sexualität akzeptieren zu können,
ist der positive und dadurch direkte Zugang zur eigenen Aggression.
Fehlt Aggression oder wird diese abgespalten oder verdrängt, fehlt
ein wichtiger Bestandteil, um sich selbst zu definieren. Das Erkennen der
eigenen Aggression und deren Hinzunahme ins bewußte Erleben ist ein
wichtiger Schritt, verantwortlich mit dieser Gewalt umzugehen. Ist dies
der Fall, so ist das situationsadäquate Setzen von Grenzen eine Selbstverständlichkeit
und muß nicht gesondert erlernt werden.
Grenzen zu setzen ist ein wesentlicher Bestandteil der eigenen Identität.
Fehlt diese Fähigkeit, ist ein Mensch gegen Übergriffe nicht
genügend geschützt.
Im Folgenden soll es um die Frage gehen, inwieweit Sexualpädagogik
und sexuelle Gewalt bzw. sexueller Missbrauch miteinander verknüpft
sind.
Sexuelle Gewalt und Sexualität stehen in Verbindung miteinander.
Sexualität ist die Methode, wie sexuelle Gewalt vermittelt wird. Sexuelle
Gewalt findet immer dort statt, wo nicht oder zu wenig über Sexualität
gesprochen werden kann und gesprochen wird.
Wir gehen von folgender theoretischer Annahme aus:
Es gibt neben einem eigenen Sexualtrieb keinen eigenständigen
Aggressionstrieb. Aggressionen und somit Gewalt sind im Grunde genommen
immer eng mit Frustrationserlebnissen verknüpft. Im weitesten Sinne
kann man davon ausgehen, dass der- oder diejenige, die zu Gewalttaten neigt,
eine geminderte Frustrationstoleranz aus den unterschiedlichsten Gründen
besitzt. Insbesondere im Bereich unserer Sexualität sind wir leicht
kränkbar, daher ist Sexualität bedauerlicherweise mit Aggressivität
leicht einhergehend. Wir lehnen uns mit unserem Aggressionsmodell an den
Psychoanalytiker Stavros Menzos an.
„Es ist nicht die Aggression, die Konflikte auslöst, sondern
es sind die Konflikte, die Aggressivität auslösen.“ (Norbert
Elias)
Dort, wo ein Raum entsteht, wo über Sexualität und die damit
verbundenen Gefühlen gesprochen werden kann, kann sexuelle Gewalt
nicht mehr passieren. Je öffentlicher das Gespräch über
Sexualität geführt wird, desto mehr wird auch die einhergehende
Frustration/Gewalt thematisiert.
Im Weiteren ist in diesem Zusammenhang darauf zu achten, sich in den
Gesprächen und Veröffentlichungen nicht des Voyeurismus und Exhibitionismus
zu bedienen, da auf diese Weise die Dynamik des Mißbrauches lediglich
fortgesetzt wird.
Insbesondere als Sexualpädagoge/in ist es in der Öffentlichkeit
notwendig, sich über solche Zusammenhänge im Klaren zu sein,
da aus unserer Sicht die komplexe Thematik nicht verstanden wird.
Hier befindet sich der/die Sexualpädagoge/in bereits mitten in
der Thematik, da es ähnlich wie beim sexuellen Missbrauch um Grenzüberschreitungen
und Grenzsetzungen geht.
Dies bedeutet, dass sexuelle Grenzen gesehen werden müssen und
nicht die Gefahr aufkommen darf, sich vor anderen als Fachexperte/in zu
entblössen oder aber andere zu entblössen.
An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass das Themengebiet Sexualität
und Gewalt bei der Arbeit als Sexualpädagoge/in immer einen Zusammenhang
darstellt.
AP Dortmund vertritt die Meinung, dass Frauen heute wenige
Möglichkeiten haben, ihre eigene und eigenständige Sexualität
zu entdecken. Die eigene Erotik zu leben und sich weiblich fühlen
zu können, sieht des AP Dortmund als vorrangiges Ziel an. Die Sexualpädagogik
bietet hier eine Reihe von Möglichkeiten.
Der Verein weist darauf hin, dass Frauen unabhängig von Männern
lernen müssen, sich als Frau zu definieren, um dann wieder in Beziehung
mit Männern und Frauen treten zu können.
Entsteht in der Beziehung zum Mann/zur Frau eine unangemessene Abhängigkeit,
wird es der Frau kaum gelingen, in der Beziehung ihre Eigenständigkeit
und insbesondere ihre Grenzen zu wahren.
Vielmehr laufen die Frauen Gefahr, dass sie konturlos werden und sich
nicht schützen und abgrenzen können.
Die Sexualpädagogik bietet den Ansatz, sich selbst einmal mit
der eigenen Weiblichkeit zu sehen und zu definieren.
Eine Frau, die ihre eigene Sexualität unabhängig vom Wertesystem
des Mannes/Patriachats definieren kann, ist eher in der Lage, ihre Söhne
und Töchter zu eigenständigen, verantwortungsvollen Menschen
zu erziehen.
Frauen, die dies nicht können, fallen leichter in die Rolle des
Opfers und erleben sich und andere Frauen auch als solche/s.
3.2) Psychoanalytisches Verstehen
Aus der Sicht des Vereins fängt sinnvolle Präventionsarbeit
gegen sexuelle Gewalt dort an, wo ein ganzheitlicher sexualpädagogischer
Ansatz gewählt wird. Das heißt, den Frauen muss ermöglicht
werden sich selbst mit ihrer Sexualität zu definieren.
Die Sexualität wird vorwiegend dem Unbewussten zugeordnet. Aus
diesem Grund ist es notwendig, wenn sexualpädagogisch gearbeitet wird,
sich mit dem Unbewussten auseinanderzusetzen. Insbesondere müssen
dabei die Widerstandsphänomene analysiert und verstanden werden. Richtig
erkannte Widerstandsphänomene sind der Schlüssel zum Verstehen
der jeweiligen Klientin.
An dieser Stelle ist die Definition des Phänomens des Widerstandes
anhand eines theoretischen Hintergrunds näher zu beschreiben, da es
für die Arbeit des Vereins von zentraler Bedeutung ist:
AP Dortmund arbeitet mit einem Widerstandskonzept, welches
auf einer psychoanalytischen Sichtweise beruht.
Es geht um das Verstehen unbewusster Prozesse, die intrapsychisch wirksam
sind und die Beziehungen zwischen Menschen wesentlich beeinflussen können.
Widerstände gehören zu den zentralen Verstehenskategorien,
ebenso Übertragung und Gegenübertragung.
Nach Sigmund Freud beeinhaltete der Begriff des Widerstandes „...was
immer die Fortsetzung der Arbeit stört...“.
Damit sind die Störungen in der therapeutischen Beziehung gemeint.
Die Klientin, die Hilfe sucht, macht wie ihre Beraterin die Erfahrung,
dass der Prozess der Veränderung als solcher beunruhigend ist, da
das erreichte Gleichgewicht, selbst wenn es mit schweren Einbußen
der inneren und äußeren Bewegungsfreiheit einhergeht, bisher
eine gewisse Stabilität garantierte.
Auf der Gundlage des erreichten Gleichgewichts erwartet die Klientin
unbewusst Ereignisse, welche auch negativer Art sein können.
Hier bildet sich ein Kreislauf, der sich selbst aufrechterhält
und verstärkt ( „selfperpetuating circle“ ). Obwohl die Klientin auf
der bewussten Ebene eine Veränderung anstrebt, versucht sie unbewußt,
das ehemals erreichte Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, da dies auch eine
Reduzierung von Angst und Unsicherheit bedeutet.
Die vielgestaltigen Formen des Widerstandes haben nun also die Funktion,
das erreichte Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Hieraus ergeben sich verschiedene Aspekte:
Die Beobachtung des Widerstandes ist an die beraterische Beziehung
gebunden. Somit sind Widerstände Teil des beraterischen Prozesses.
Die Fortsetzung in der Zusammenarbeit kann vielfältig gestört
werden. Es gibt also keine Verhaltensweise, die nicht als Widerstand eingesetzt
werden könnte, wenn sie eine bestimmte Stärke erreicht hat.
Wird ein gewisser Intensitätsgrad überschritten, leidet die
Zusammenarbeit.
Widerstände werden nach qualitativen und quantitativen Kriterien
eingeschätzt.
In dieser Konzeption können nicht sämtliche Klassifikationen
des Widerstands aufgeführt werden. Es soll nur ein Eindruck dessen
entstehen, was man unter dem Phänomen versteht und wie die beraterische
Arbeit beeinflusst wird.
Aufgrund der eben beschriebenen Funktion des Widerstandes, läßt
sich auch besser verstehen, warum AP Dortmund den Widerstand als
ein wesentliches diagnostisches Mittel in der Arbeit ansieht. Es ist die
Schutzfunktion des Widerstandes, welche gesehen wird und die Angst, welche
dahinter steht.
Freud formulierte 1910 das „Gegenübertragungskonzept“ als Störung
der psychoanalytischen Behandlung durch eigene neurotische Konflikte und
dadurch bedingte innere Widerstände.
Freuds Ziel war es, „ die Gegenübertragung zu erkennen und zu
beherrschen “.
Paula Heimann hingegen entwickelte 1950 eine andere Sichtweise der
Gegenübertragung.
Für sie war die Gegenübertragung ein Schlüssel zum Verständnis
des Klienten und damit ein wirksames diagnostisches Instrument. Wir haben
uns der Sichtweise von Paula Heimann angeschlossen.
3.3) Gruppendynamik
AP Dortmund geht in seiner weiteren theoretischen Betrachtung von einer
angewandten Gruppendynamik aus. Viele Beratungsformen finden im AP Dortmund
in Gruppen statt. Für das AP Dortmund ist dies mit einer psychoanalytischen
Theorie begründet: Sexuelle Gewalt, so wie sie von uns hauptsächlich
beraten wird, findet meist in der Herkunftsfamilie statt. Die Gruppen sind
ähnlich wie die Herkunftsfamilie mit unterschiedlichen Personen besetzt.
Die Klientin kann dadurch in den stattfindenden Gruppen ihre Herkunftsfamilie
komplett reinszenieren. Die Gruppenleitung hat die Aufgabe, die jeweilig
stattfindenden Reinszenierungsprozesse zu analysieren und den Klientinnen
dieses Wissen zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang ist
darauf zu achten, dass eine positive Übertragungsbeziehung Voraussetzung
von konfrontativen Interventionen ist.
4.) Die Beratungsstelle
Die wesentlichen Elemente der Beratungsarbeit mit betroffenen Frauen
sehen die AP Dortmund Mitarbeiterinnen in der Möglichkeit, sich als
Projektionsfläche für Vater- und Mutterübertragungen zur
Verfügung zu stellen. An dieser Stelle wird auch deutlich, dass die
theoretische Heimat eine modifizierte Psychoanalyse ist.
Im Gegensatz zur klassischen Psychoanalyse arbeitet AP Dortmund
in der Beratungstätigkeit mehr in der Gegenwart. Wir gehen davon aus,
dass sämtliche unverarbeiteten frühkindlichen Konflikte in der
Beziehung zwischen der Beraterin und der Klientin reinszeniert werden (siehe
3.3).
An dieser Stelle soll aber erwähnt werden, dass wir diese Beratungshaltung
nur auf nicht psychotisches Klientel anwenden. Psychotische Klientinnen
werden in der Regel von uns nur unterstützend beraten und können
nicht an Selbsterfahrungsgruppen teilnehmen.
Da dieser Beratungsansatz stark von Reinszenierungen aus dem Unbewussten
lebt, ist es in der Beratung häufig nicht von so großer Dringlichkeit,
Fragen zu sexueller Gewalt in der Vergangenheit zu stellen.
Die Beraterinnen verlassen sich vielmehr darauf, dass die Klientinnen
ihre unverarbeiteten Konflikte unbewusst inszenieren. Aus diesem Beratungsansatz
heraus wird deutlich, dass bei AP Dortmund nur ausgebildete Beraterinnen
tätig sind, die sich durch Supervision und Weiterbildung Bewußtsein
über ihre Gegenübertragungen verschafft haben.
Langzeitberatung bedeutet, dass die Beraterinnen im Kontakt mit der
Klientin deren Defizite aus der Kindheit auszugleichen versuchen.
Durch den Gegenwartsaspekt führen die Beraterinnen die Klientinnen weniger
in die Regression, sondern arbeiten mit ihnen mehr auf der Erwachsenenebene.
Die Beraterinnen gehen mit den Klientinnen nur dann in die Vergangenheit,
wenn diese Verknüpfung eine Verdeutlichung der Problematik verspricht.
Auf diese Weise „bestimmt“ die Klientin das Tempo und die Intensität
der Beratung, die Beraterin leitet das Setting in der Beratung.
Eine wichtige Ausgangsvoraussetzung ist dabei die Wahrung die
Distanz innerhalb der Beratung.
Methodisch wird dies z.B. dadurch unterstützt, dass Beraterin
und Klientin sich gegenseitig siezen. Die Beraterin ist durch das „Sie“
geschützt und kann in der Beratung eher Projektionsfläche für
Autoritätskonflikte werden. Durch diese Möglichkeit der Projektionsfläche
(Vater-/Mutterübertragungen) ist es den Klientinnen möglich,
ihre Defizite (Vater/Mutter) auszugleichen, da sie in der Beziehung mit
der Beraterin einen anderen Umgang mit den Konflikten erleben und an diesem
neuen Umgang wachsen können.
Im Beratungskontakt bedeutet das für die Beraterin, dass sie die
Enttäuschungen seitens der Klientin aus der Elternbeziehung und die
damit verbundenen Aggressionen als Projektionsfläche aushalten muss.
Wenn die Klientinnen in der Beratung erleben, dass die Beraterinnen ihre
Trauer und Aggression aushalten, erleben sie im Kontakt mit der Beraterin
ein Angenommensein. Die Klientinnen erfahren, dass ihre Aggressionen nicht
„mörderisch“ sind und können dadurch ihre eigenen Aggressionen
akzeptieren.
Durch dieses Angenommensein sind sie in der Lage, sich auch selbst
mehr anzunehmen. Dies ist ein weiterer Baustein zur Identitätsbildung.
Die vorherige Ausführung begünstigt im weiteren die Rollenklarheit
innerhalb der Beratung.
AP Dortmund geht davon aus, dass sexuelle Gewalt mit Rollenunklarheit
verbunden ist. Menschen, die Kinder zu sexuellen Handlungen verführen
und anleiten, verlassen ihre Rolle. Ein Vater, der seine Tochter sexuell
missbraucht und sie zum Geschlechtsverkehr anleitet/verführt, ist
nicht mehr in der Rolle des Vaters, sondern macht die Tochter zu seiner
Geliebten und sich selbst zum Geliebten.
Aus diesem Grund ist es wichtig, im Beratungsprozess Rollenklarheit
mit den Klientinnen zu praktizieren.
Rollenklarheit im beraterischen Setting gibt der Klientin die Sicherheit,
dass es Autorität gibt ohne Missbrauch von Macht. Autorität bedeutet
nicht autoritär, sondern Klarheit und somit Schutz in der Beratungsarbeit.
Nur in solch einem geschützten Rahmen ist es der Klientin möglich,
erlebten Machtmissbrauch zu thematisieren und aufzuarbeiten.
Erleben die Klientinnen in der Beratung, dass jemand Autorität
besitzt ohne diese zu missbrauchen, werden sie ermutigt dieser Autorität
wieder zu vertrauen. Im weiteren liefert die Beraterin der Klientin ein
Vorbild, wie man mit der eigenen Autorität umgehen kann. Eigene Autorität
ist der Hintergrund um Grenzen in Beziehungen setzen zu können.
Dies ist für AP Dortmund deshalb so wichtig, weil die
Beraterinnen davon ausgehen, dass das Trauma nicht allein durch die sexuellen
Handlungen entstanden ist, sondern dass der Vertrauensverlust, den sie
in der Beziehung zum Täter/zur Täterin erlebt haben, mitentscheidend
dazu beiträgt. Ein weiterer Punkt in der Beratung ist der vorsichtige
Umgang mit dem Trauma der Klientinnen. Dies ist deshalb von Bedeutung,
weil die Beraterinnen davon ausgehen, dass nicht jedes Trauma aufgearbeitet
werden kann. Die damit verbundenen Gefühle könnten eine Klientin
dermaßen instabilisieren, dass ihre psychische Gesundheit dadurch
gefährdet wäre.
Bei jeder einzelnen Klientin muß genau überprüft werden,
ob sich die Gefühle, die durch die Bearbeitung ihrer sexuellen Gewalterfahrungen
entstehen, langfristig stabilisieren lassen.
In manchen Beratungsprozessen ist es sinnvoll, auf die Aufdeckung zu
verzichten.
„Psychisch gesunde“ Klientinnen sind in der Lage, durch inszenierte
Widerstände deutlich zu signalisieren, dass sie ihre sexuellen Gewalterlebnisse
noch nicht bearbeiten können.
Psychotische Klientinnen dagegen sind nur bedingt in der Lage, sich auf eine Aufarbeitung seitens der Beraterin
einzulassen. In der Regel sieht eine Beratung in solch einem Fall eher
ein Begleiten in der konkreten Lebenssituation vor. Wir bieten diesen Klientinnen
insbesondere unsere offene Sprechstunde an, da sie in der Regel zwar dauerhaft
Beratung benötigen, aber nicht in der Lage sind, sich auf verbindlichere
Arbeitsstrukturen einzulassen. Für diesen Kreis ist das relativ offene
Angebot leichter zu akzeptieren, und trotzdem erweist es sich in der Praxis,
dass es auch bei diesem Angebot zu verbindlicheren Beratungsbeziehungen
kommen kann.
Das Beratungsangebot für betroffene Frauen umfasst drei unterschiedliche
Angebotsstrukturen:
Die offene Sprechstunde als niedrigschwelliges Angebot für Frauen,
die ohne Termin entweder einmalig oder auch mehrmalig beraten werden möchten.
Des weiteren vergibt AP Dortmund Einzelberatungstermine.
Die Einzelberatungen sind in erster Linie Kriseninterventionen. In diesen
Gesprächsreihen soll der akute Beratungsbedarf ermittelt und Perspektiven
erarbeitet werden, um mit der akuten Lebenssituation umgehen zu können.
Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, die Klientin intrapsychisch zu stabilisieren.
Ausserdem werden den Klientinnen praktische und konkrete Möglichkeiten
aufgezeigt, um mit ihrer problematischen Lebenssituation umgehen zu können.
Langfristige Einzelberatungen werden in der Regel nicht durchgeführt,
sondern erfolgen in Gruppen. Frauen, die nicht langfristig in eine Selbsterfahrungsgruppe
gehen, wird geraten, sich um eine Psychotherapie bei einem niedergelassenen
Psychotherapeuten zu bemühen.
Der Arbeitsschwerpunkt der Beratungsstelle liegt in der Bildung von
Selbsterfahrungsgruppen. Dies hat mit der geschichtlichen Entwicklung von
AP Dortmund zu tun, da in der Regel fast alle Wildwasservereine (AP Dortmund ist aus Wildwasser Dortmund hervorgegangen)
stark mit der Selbsthilfe und den daraus resultierenden Selbsthilfegruppen
identifiziert sind. Unsere Beratungsangebote sind in der Regel kostenlos.
Wenn eine Klientin jedoch eine Selbsterfahrungsgruppe besucht, wird mit
ihr ein Kostenbeitrag vereinbart.
Weiterhin wird auf die Wahrung der Anonymität der Klientinnen geachtet.
Keine Person erfährt von den Mitarbeiterinnen, ob eine Frau/ein
Mädchen die Beratungsstelle aufgesucht hat. Diese Anonymität
wird nur auf Wunsch der Klientin aufgehoben.
5.) Institut zur Weiterbildung
Auch in der Fallbesprechung spielt der Widerstand eine wichtige Rolle.
In der Fallbesprechung wird die Identifikation mit den verschiedenen
beteiligten Personen angeregt, so dass es den Seminarteilnehmerinnen leicht
fällt, sich mit den unterschiedlichen „Mitspielern“ zu identifizieren.
Aus dieser Identifikation heraus können die Seminarteilnehmerinnen
die vorbewußten und unbewußten Widerstände im Setting
lebendig werden lassen.
Die Art der Fallbesprechung lehnt sich im weitesten Sinne an die Arbeit
der Balint-Gruppe an. Unsere Gruppen sind aber durch mehr Struktur gekennzeichnet,
da durch weniger Struktur das Unbewusste deutlicher wird und dies den Teilnehmerinnen
Angst machen kann. Je besser eine Gruppe eingespielt ist und je mehr eine
Vertrauensbeziehung gewachsen ist, desto mehr kann in den Gruppen die Struktur
vernachlässigt werden um das Unbewusste deutlicher werden zu lassen.
Eine nähere Ausführung dieser Arbeit würde in diesem
Rahmen zu weit führen, deswegen soll nur eine kurze Definition der
Begrifflichkeit erfolgen:
Die Balint-Gruppe wurde nach dem englischen Arzt und Analytiker Michael
Balint benannt.
Ursprünglich wurde sie vor allem mit dem Ziel gegründet,
„die affektiven Komponenten der Arzt-Patient-Beziehung zu reflektieren
und zu verbessern“. In unserer Gruppenarbeit geht die Teilnehmerin/der
Teilnehmer von Fallbesprechungen aus der eigenen Praxis aus; sie/er ist
dabei überwiegend analytisch orientiert.
Zu Beginn der Ausbildung liegt das „Widerstandsniveau“ der Teilnehmerinnen
noch relativ hoch, da Widerstand in erster Linie eine Schutzfunktion ist.
Zu diesem Zeitpunkt ist Schutz sehr wichtig, da eine Anfangssituation in
der Regel mit viel Neugier aber auch Ängsten verbunden ist.
Dies sind die ersten Lernschritte in der Zusatzausbildung.
Die Sexualpädagogin begegnet dem Phänomen des Widerstandes
in ihrer Arbeit immer wieder.
Hier ist ebenfalls wichtig, dass die Schutzfunktion gesehen wird, die
hinter diesem Widerstand steht.
5.1.) Fortbildung und Multiplikatorenarbeit
Der Bereich der Fortbildung/Multiplikatorenarbeit nimmt einen wichtigen
Raum ein. Auch hier finden dieselben theoretischen Grundlagen wie in der
Beratung Anwendung.
Insbesondere die sexualpädagogische Zusatzausbildung soll die
Teilnehmer dazu befähigen, in ihren jeweiligen Praxisfeldern sexualpädagogische
Themengebiete in Projektarbeit sowie in Beratungssituationen anzusprechen.
Ausgangsbasis für diese Ausbildung ist die Bereitschaft der Teilnehmer/innen,
sich persönlich mit dem Themengebiet Sexualität auseinanderzusetzen.
In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass die Ausbildung
eine berufliche Weiterbildung und kein Therapiesetting darstellt.
Ein wichtiger Baustein der Zusatzausbildung sind die unterschiedlichen
Theorien der Sexualpädagogik.
Das Ziel der Ausbildung ist, über die Vermittlung von Methoden
und theoretischen Zusammenhängen hinaus eine ganzheitliche Einstellung
zur Sexualpädagogik zu vermitteln.
Es gibt ein gesondertes Curriculum zur Sexualpädagogik, in welchem
12 Arbeitsschwerpunkte festgelegt sind:
1. Einführung in die Sexualpädagogik
2. Medizinische und biologische Grundlagen der Sexualität
3. Vermittlung von sexualpädagogischen Methoden
4. Projektplanung
5. Reflexion der Projekte
6. Theorien der Sexualpädagogik
7. Zwischenauswertung der Zusatzausbildung
8. Vermittlung von funktionellen Grundlagen zur Sexualität
9. Vorbereitung der Abschlussarbeit (Fälle aus der Praxis)
10. Überprüfung der eigenen moralischen Werte und Normen
11. Einführung in die Gesprächsführung
12. Auswertung der Zusatzausbildung
Die Ausbildung endet nach zwei Jahren mit dem Abschluß zum/zur
Sexualpädagogen/in.
5.2) Supervision
An die Zusatzausbildung zum/zur Sexualpädagogen/in schliesst sich
oftmals eine Supervisionsgruppe an. Im weiteren bieten wir, wie an anderer
Stelle schon erwähnt, Einzelvision, Teamsupervision und Gruppensupervision
an.
Durch die Supervision werden Multiplikatoren aus sozialen Arbeitsfeldern
befähigt, professionell mit dem Themengebiet „Sexuelle Gewalt“ umzugehen.
Besonders im Umgang mit Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt
erlebt haben, ist eine Erweiterung der eigenen Kompetenzen durch Reflexion
wichtig. Durch eingebrachte Fallbeispiele aus der Praxis werden spezifische
Handlungsschritte erarbeitet, dadurch werden die Supervisanden befähigt,
diese in der eigenen Praxis umzusetzen.
Die theoretischen Grundlagen der Supervision basieren auf der Sexualpädagogik
und der Psychoanalyse; diese wird durch die angewandte Gruppendynamik unterstützt
(Siehe auch
3.1;
3.2;
3.3).
In der Regel wird jährlich eine an die Institution gebundene Supervisionsgruppe
gebildet; diese umfasst fünf Plätze. Die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer werden in gesonderten Ausschreibungen gewonnen.
Die Einzelsupervisanden sind in der Regel daran interessiert ihr spezielles
Wissen zum Thema sexuelle Gewalt und Sexualpädagogik über einen
längeren Zeitraum zu intensivieren. In der Regel haben sie in ihrem
Praxisfeld konkrete Fälle von sexueller Gewalt erlebt. Die Einzelsupervision
stellt für viele Supervisanden eine Möglichkeit dar, sich in
einem sehr geschützten Setting ein Bewusstsein über die eigenen
Anteile der Dynamik zu verschaffen. Viele andere Supervisanden sind in
herausgehobenen Positionen in ihrer Institution tätig und holen sich
mit Hilfe der Einzelsupervision ein Spezialwissen, um zu diesem Themengebiet
fachkompetent arbeiten zu können.
Einzelsupervisionen werden nach Absprache durchgeführt. Teamsupervisionen
und hausinterne Gruppensupervisionen werden jeweils mit den auftraggebenden
Institutionen abgesprochen, in der Regel sind die institutionellen Zusammenhänge
in solch einem Institutionsprozess von tragender Bedeutung. Wir gehen üblicherweise
davon aus, dass ein Supervisionsprozess mind. 15 Sitzungsterminen beinhaltet.
Das Einzugsgebiet der Teilnehmer bzw. der Teams oder Gruppen erstreckt
sich über ganz NRW und in Ausnahmen über die gesamte Bundesrepublik.
Auch in diesem Beratungssetting arbeiten wir nach den gleichen
theoretischen Grundlagen wie in den anderen Beratungssettings, d.h.
psychoanalytisch, gruppendynamisch und sexualpädagogisch.
Ein weiterer Baustein in den Supervisionsprozessen ist der „institutionelle
Zusammenhang“.
In jedem Supervisionsprozeß ist der institutionelle Zusammenhang
zu berücksichtigen, da er die Rahmenbedingungen der Lösungsmodelle
vorgibt. Insbesondere ist immer wichtig die Geschichte der Institutionen
und deren Konfliktfelder in einem Supervisionsprozess ins Auge zu fassen,
da es häufig deutlich wird, daß institutionelle Konflikte auf
der persönlichen Ebene ausgetragen werden. In anderen Fällen
kann es passieren, dass institutionelle Konflikte vorgeschoben werden,
um persönliche Konflikte ausleben zu können. Bei einer Institutionsanalyse
geht es außerdem immer um die unterschiedlichen Rollen innerhallb
eine Institution. Wir haben an einer anderen Stelle, an der es um die Beratungshaltung
gegenüber sexueller Gewalt ging, erwähnt, dass sexuelle Gewalt
mit Rollenkonfusion einherging. Aus diesem Grund legen wir in der Bearbeitung
besonderen Wert auf Rollenklarheit, denn auch hier kann es passieren, dass
Opfer von sexueller Gewalt die Rollenkonfusion in ihren jeweiligen Institutionen
reinszenieren.
Supervision bietet die Möglichkeit sich in einem geschützten
Rahmen Dinge zu vergegenwärtigen. Durch die Reflexion tritt eine Verlangsamung
ein, die dazu beiträgt, die unbewussten Prozesse intrapsychisch, teamorientiert
und institutionsorientiert zu erarbeiten.
Im Gegensatz zu den sonstigen Beratungen, in denen in der Regel frühkindliche
Konflikte reinszeniert werden, werden in der Supervision vorwiegend unverarbeitete
Konflikte aus der Pubertät, d.h. Autoritätsproblematiken, reinszeniert.
Um einen Zugang zu diesen Reinszenierungen zu erlangen, berücksichtigen
wir in der Arbeit insbesondere das „szenische Verstehen“.
Wir sehen szenisches Verstehen immer unter dem Aspekt der unbewussten
Anteile. Dieses kann in der Supervision dadurch zugänglich werden,
dass man den Supervisanden/die Supervisandin emphatisch versteht. Die Supervisorin
geht in die Identifikation mit dem Supervisanden/der Supervisandin, und
erhält dadurch Zugang zum Unbewussten des Supervisanden. „Gleiches
kann man nur mit Gleichem erkennen!“ Nur über den Zugang zum Unbewussten
kann es einer Supervisorin gelingen, emphatisches Verstehen zu entwickeln.
An dieser Stelle möchten wir den Begriff emphatisches Verstehen erklären:
Emphatisches Verstehen ist eine Haltung, die sämtliche Emotionen
des Klienten einschließt: Hass und Liebe, Trauer und Schmerz, Enttäuschung
und Wut. Der Focus liegt auf den Anteilen, die die Menschen bei sich selbst
nur schwer sehen oder akzeptieren können, und die daher eher abgespalten
oder verdrängt werden.
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